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Die Narrenburg

Stich von Joseph Axmann nach einer Zeichnung von Peter Johann Nepomuk Geiger; © Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Erzählung von Adalbert Stifter, erschienen 1842 in Iris. Taschenbuch für das Jahr 1843 (Journalfassung) bzw. 1844 (Buchfassung) bei Gustav Heckenast in Budapest.

Die umfängliche Erzählung ist in Adalbert Stifters erfolgreichstem Buch enthalten, den Studien, deren 13 Texte alle in Journalfassungen vorlagen, bevor sie für die Buchfassung der Erzählsammlung gründlich überarbeitet wurden. Die Narrenburg wurde seit ihrem ersten Erscheinen sehr unterschiedlich eingeschätzt: Als zu "romantisch" und "künstlerisch unbewältigt" abgetan, regte sie neuerdings, als "hochartifiziell" und "spannend" gewertet, zu besonders tiefgründigen Interpretationen an. 

Ihre im Gesamtwerk einzigartige Komplexität vermag ebenso anziehend zu wirken, wie sie durch stoffliche, thematische und motivische Vielfalt den Liebhaber späterer Stifter-Werke verwirrt. Das von Stifter öfter gewählte Erzählschema - die Geschichte eines jungen, naturinteressierten Wanderers, der am Schluss seine Frau findet und heiratet - wird hier durch autobiografische Elemente, Fragen des Familienzusammenhangs sowie Reflexionen auf  autobiografisches Schreiben angereichert und zudem noch mit zeitgenössischen Sensationen wie den nordafrikanischen Kriegen sowie der Ehe des Fürsten Pückler (1785-1871) mit einer abessinischen Sklavin aktualisiert. Außerdem finden sich Spuren des bei Stifter seltenen Humors.
Stofflich lässt sich die erste Fassung des Textes dem von Stifter projektierten, wenn auch nie umfänglich verwirklichten Komplex der historisch sehr frei erzählten Familiengeschichte der Scharnast zuordnen: Nur die 1842 veröffentlichte Journalfassung der Narrenburg in der Iris für 1843 erwähnt Namen und Details, die zur Familienkonstruktion in Die Mappe meines Urgroßvaters und der Erzählung Prokopus (1847) gehören, mit der Stifter für sich einen fiktiven Stammbaum schuf. Die 1844 im zweiten Band die erste Folge der Studien abschließende Buchfassung der Narrenburg tilgt diese Korrespondenzen ebenso wie sie die sensationellen Elemente dämpft. Schon 1855 erschien eine separate Miniaturausgabe der Erzählung.

Im Mittelpunkt steht Heinrich, der späte Spross eines verbäuerlichten und damit von den Narrheiten des ausgestorbenen Familienstranges der Grafen Scharnast verschonten Zweiges (genealogisch entspricht er in der Generationenfolge dem Ich-Erzähler des Mappe-Rahmens). Aus einem fernen "Heimatthal" (384), dem böhmischen Handlungsraum der Mappe stammend, erfährt er sich als Erbe eines großen Besitzes in Oberösterreich und steigt selbst zum Grafen auf, heiratet dann aber seine bürgerliche Geliebte. Dass Stifter dabei zwei Landschaften, die Wegstationen seiner Jugendzeit vom Heimatort zum Kremsmünsterer Gymnasium, mit dem ungeheuren sozialen Aufstieg Heinrichs verbindet, deutet auf Wunschvorstellungen im Plan zu seiner fiktiven Familiengeschichte. Auch die naturkundliche, später bewahrte Sammeltätigkeit des jungen Wanderers, zu der sich der Autor in der "Vorrede" zu Bunte Steine selbst bekennt, ist ein autobiografisches Element. Als scheinbar abwegige - närrische - Tätigkeit führt diese Sammelei in die Gegend des Rothenstein, einer deutlich der Ruine Scharnstein im Seitenarm des Almtales nachgebildeten Burg. Dort verliebt er sich in eine Wirtstochter, umkreist aus geologischem Interesse zunächst ahnungslos sein späteres Erbe und erfährt Details aus der Burggeschichte. Der riesige Baukomplex steht unter den Bestimmungen eines Fideikommiss, einer überholten Form des Testaments, das neben der Besitzsicherung im Mannesstamm auch zur Abfassung von ‚Selber-Lebensbeschreibungen‘ und deren Lektüre durch alle Nachkommen verpflichtet.
Während in der Mappe tägliche Aufzeichnungen positiv thematisiert werden, behandelt die Narrenburg das Thema retrospektiver Lebensbeschreibungen kritisch: Stifter erzählt allein die Autobiografie des Vorfahren Jodok, der mit einer indischen, später von ihrem Schwager Sixtus verführten Paria verheiratet war. Mit dieser Geschichte erweisen sich solche Lebenszeugnisse als Ansammlung von Irrtümern, und nicht nur Jodok selbst, sondern später auch Heinrich verwerfen sie. Die Narrenburg kann damit im Rahmen der für Stifter typischen impliziten Literaturdidaktik und Leserlenkung als eine biografisches Schreiben und Lesen weitreichend reflektierende Erzählung wahrgenommen werden.

Ulrich Dittmann

 

Die Narrenburg. In: Adalbert Stifter: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag der Kommission für Neuere Deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hg. von Alfred Doppler und Wolfgang Frühwald, seit 2000 Hartmut Laufhütte. Stuttgart u. a. 1978ff. (= HKG). Bd. 1,1: Studien. Journalfassungen 1. Hg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann. Stuttgart u. a. 1978, 301-403. - Die Narrenburg. In: HKG, Bd. 1,4: Studien. Buchfassungen 1. Hg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann. Stuttgart u. a. 1980, S. 319-436 (= Referenzausgabe).

Begemann, Christian: Das Verhängnis der Schrift. In: Adalbert Stifter: Die Narrenburg. Hg. u. mit einem Nachwort von Christian Begemann. Salzburg, Wien 1996, 121-143. - Burgstaller, Erich: Zur künstlerischen Gestalt von Stifters Narrenburg. In: Seminar. A Journal of Germanic Studies 11 (1975), 89-108. - Dittmann, Ulrich: Das Erzählschema in Stifters Studien. In: Germanistische Mitteilungen (Brüssel) 40 (1994) / Jahrbuch des Adalbert-Stifter-Institutes des Landes Oberösterreich 1 (1994), 87-94. - Doppler, Alfred: Stifter im Kontext der Biedermeier-Novelle. In: Hartmut Laufhütte und Karl Möseneder (Hg.): Adalbert Stifter. Dichter und Maler, Denkmalpfleger und Schulmann. Tübingen 1996, 207-219. - Märki, Peter: Adalbert Stifter. Narrheit und Erzählstruktur. Bern u. a. 1979. - Straumann-Windler, Hedwig: Stifters Narren. Zum Problem der Spätromantik. Diss. Zürich 1952. - Titzmann, Michael: Text und Kryptotext. Zur Interpretation von Stifters Erzählung Die Narrenburg. In: Hartmut Laufhütte und Karl Möseneder (Hg.): Adalbert Stifter, a.a.O., 335-373. - Tunner, Erika: Farb-, Klang- und Raumsymbolik in Stifters Narrenburg. In: Recherches germaniques 7 (1977), 113-127.

Stand: 15.12.2009